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  • Der Hafen von Beirut ein Jahr nach der Explosion. (Foto: Jacques Berset/«Kirche in Not (ACN)»)
  • Rauchwolke über dem Hafen von Beirut am 4. August 2020 (Foto: Pater Samer Nassif)
  • Die durch die Explosion im Beiruter Hafen beschädigte Kirche von Pater Pater Marwan Mouawad am 04.08.2020 (Foto: Pater Marwan Mouawad)
  • Die durch die Explosion im Beiruter Hafen beschädigte Kirche von Pater Pater Marwan Mouawad am 04.08.2020 (Foto: Pater Marwan Mouawad)

Priester im Libanon hält inne und erinnert sich an einen Wendepunkt in seiner Heimat

Vor genau 12 Monaten feierte Pfarrer Marwan Mouawad (46) für eine kleine Gruppe von zehn Personen in einem Viertel von Beirut die heilige Messe, als er spürte, wie sich die Kirche über ihm bewegte. Durch die Anzeichen eines Erdbebens fiel der Strom aus. Er unterbrach seinen Gesang.

Sekunden später wurde die Kirche von einer der stärksten nichtnuklearen Explosionen erschüttert, die jemals aufgezeichnet wurden. Dieser Moment, der in einem viralen Video festgehalten wurde, das von drei Millionen Menschen angeschaut wurde, sollte den Libanon, das Land mit der grössten religiösen Vielfalt im Nahen Osten, verändern. Ein verlassenes Lager mit Ammoniumnitrat am wichtigsten Hafen des Landes hatte Feuer gefangen und war nur drei Kilometer von Pfarrer Mouawads Kirche entfernt explodiert.

Im Angesicht des Todes
„Wir schauten hoch zum Dach und dachten, es würde auf uns einstürzen. In diesem Moment dachten wir, wir würden unser Leben verlieren. Es war göttliche Gnade, die uns gerettet hat: Es war Gottes Vorsehung, dass wir in diesen Tagen wegen der Covid-19-Pandemie keine Erlaubnis hatten, die Kirche für Gottesdienste zu öffnen“, sagt er. Mitten in der um sich greifenden Pandemie hatte Pfarrer Mouawad stattdessen jeden Tag die Messe für etwa 60 oder 70 Gläubige per Livestream übertragen. An diesem Tag kam in der Kirche niemand ums Leben, auch wenn eine ältere Ordensschwester eine schwere Kopfverletzung erlitt.
„Nach der Explosion verliessen wir die Kirche und sahen überall zerborstene Fensterscheiben. Wir mussten Trümmer wegräumen, um die Strasse entlanggehen zu können. Es war wie in einer Kriegsszene. Da waren verletzte Menschen auf der Strasse.“ Da das lokale Krankenhaus überfüllt war, mussten sie zur Kirche zurückkehren, um die Schwester zu versorgen, die nun auf dem Weg der Besserung ist. Die Explosion forderte 207 Todesopfer und verursachte Schäden in Höhe von 15 Milliarden Dollar, insbesondere in den überwiegend christlichen Vierteln, die an den Hafen von Beirut grenzen.

Armut auch unter dem Klerus
Indessen stellte die Explosion einen Wendepunkt für ein Land dar, das sich bereits in Gefahr befand. „Vor der Explosion hatte ich 95 Familien in meiner Gemeinde, denen ich half. Nach der Explosion haben wir jetzt 520 bedürftige Familien. Jeden Donnerstag kommen sie in meine Kirche, um von einem Team von Freiwilligen eine warme Mahlzeit zu erhalten.“
„Vor der Explosion kamen immer mal wieder einzelne Gemeindemitglieder auf mich zu und gaben mir Geld, um uns damit zu helfen, Lebensmittelpakete für die Armen zu kaufen. Nach der Explosion kommen manche eben dieser Menschen zur Kirche und bitten um Hilfe. ‚Herr Pfarrer’, sagen sie, ‚bitte vergeben Sie uns. Wir sind in Not.’“
Die Krise hat auch dem Klerus zugesetzt, insbesondere den vielen verheirateten Geistlichen im Libanon, die nach der Tradition der maronitisch-katholischen Kirche vor der Priesterweihe heiraten dürfen.
„Als Priester mit Familie betrifft auch mich die Krise. Wir haben aufgehört, Fleisch zu essen, mit einer Ausnahme in der Woche, da essen wir Hühnchen. Wir haben unseren Stromverbrauch reduziert und kaufen nur einmal pro Woche Obst. Es geht nicht nur darum, mit den Menschen solidarisch zu sein. Wir haben wirklich kein Geld mehr.“
«Kirche in Not (ACN)», eine päpstliche Stiftung im Dienst für die notleidende Kirche, unterstützt viele Priester im Libanon durch Mess-Stipendien, mit dem Ziel, dem Klerus zu helfen, damit dieser wiederum den eigenen Gemeindemitgliedern helfen kann. In der Diözese Antelias wird «Kirche in Not (ACN)» 45 Priester unterstützen, darunter Pfarrer Mouawad.
Pfarrer Mouawad versucht nicht nur, die Menschen in seiner Gemeinde zu unterstützen, sondern ermutigt seine Gemeindemitglieder auch dazu, ihre Stimme gegen die grassierende Korruption zu erheben, die sein Heimatland zerstört hat: „Christus hat immer die Würde des Menschen verteidigt. Er will, dass wir uns den Menschen entgegenstellen, die dieses Land korrumpiert haben, auch den Politikern.“
Heute ist ein Grossteil von Beirut wiederhergestellt, einschliesslich der vielen Kirchengebäude, die bei der Explosion zerstört wurden. Die Wirtschaftskrise hält jedoch an, und die meisten sagen, dass sie das Erlebte nie vergessen werden.
„Jedes Mal, wenn wir die Kirche betreten, kommt die Erinnerung zurück“, sagt Pfarrer Mouawad. „Wir waren unter den Toten und haben die Auferstehung erlebt.“

Substanzielle Hilfe von «Kirche in Not (ACN)»
«Kirche in Not (ACN)» stellte im vergangenen Jahr rund CHF 3 Millionen für den Wiederaufbau von kirchlichen Gebäuden zur Verfügung. Die ersten Kirchen konnten bereits wieder renoviert werden und für Gottesdienste öffnen. Mehr als CHF 2,5 Millionen wurden an Nothilfe, die Beschaffung von Transportmitteln sowie die Unterstützung zum Lebensunterhalt und von Ordensleuten zur Verfügung gestellt. Insgesamt investierte «Kirche in Not (ACN)» CHF 6 Millionen für Hilfsprojekte im Libanon.