Skip to navigation (Press Enter) Skip to main content (Press Enter)
  • Portrait von Analia Rodriguez (Farm der Hoffnung in Argentinien)
  • Brazilien, Guaratingueta - San PauloRecycling und Neuherstellung von Plastikteilen von Rekuperanten der Farm der Hoffnung.
  • Philippinen, CaceresYucaverarbeitung im Rehabilitationszentrum der Farm der Hoffnung in Naga.
  • Farm der Hoffnung für Mutter und Kind in Angola, Catchingo - Huambo.
  • Mozambique, Dombe. Farm der Hoffnung mit Kindergarten und Landwirtschaftsschule.

Argentinien „Farmen der Hoffnung“: Es gibt keine bessere Rache als die Liebe

In einer Sucht gefangen zu leben, ist die Hölle für den Süchtigen, für seine Familie und für alle Menschen in seiner Umgebung. Die „Farmen der Hoffnung“ (Fazendas da Esperança) wollen eine Antwort auf dieses Leid geben. Die Fazendas entstanden in Brasilien; heute gibt es 139 solcher Farmen in 22 Ländern auf der ganzen Welt. Analía Rodríguez stammt aus Argentinien und ist derzeit für die „Farmen der Hoffnung" in Chile, Argentinien und Uruguay zuständig. Das internationale Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» hat diese grossartige Arbeit von Anfang an unterstützt. In einem Interview für die wöchentliche TV-Sendung „Donde Dios Llora“ („Wo Gott weint“) gibt sie ihr erschütterndes Lebenszeugnis.

„Wir stammen aus einer sehr bescheidenen, sehr einfachen Familie, die aus fünf Geschwistern und meiner Mutter besteht. Mein Bruder hatte bereits Entzugserfahrungen hinter sich, die jedoch nicht gut liefen. Dann ging er zur Fazenda nach Brasilien, und kehrte mit einer Gruppe von Missionaren zurück, um den ersten Hof in Argentinien, in der Provinz Cordoba, zu eröffnen. Er wusste, was uns passiert war, besonders mir. Ich wurde im Alter von 14 Jahren von meinem Stiefvater sexuell missbraucht. Ich hatte einen siebenjährigen Sohn, Frucht des Missbrauchs, und war wieder schwanger. Ich dachte, mein Leben würde immer so weitergehen. Mein Bruder kam nach Hause und sagte mir, er habe mir etwas anzubieten, weder Geld noch ein Haus, wohl aber etwas, das ihn aus dem Griff der Drogen befreit habe: Gott. In mir keimte Hoffnung auf, denn ich wollte dieses Leben so nicht leben. Er hat mich dann zusammen mit einem Priester von diesem Ort weggebracht.

Fazenda entfachte neue Hoffnung
Als ich auf dem Hof ankam, war ich nicht diejenige, die ich jetzt bin. Ich kam leer an, ohne Würde, ohne Selbstachtung, ohne Ziel, ohne einen Sinn für mein Leben. Ich war auf der Welt, weil ich keine andere Wahl hatte, als zu leben. Ich hatte mehrmals versucht, mich umzubringen. Ich war weder drogen- noch alkoholabhängig, aber heute verstehe ich, dass das Rauschgift bei Menschen lediglich eine Nebenwirkung ist, dass der Einnahme solcher Substanzen Wunden vorangehen und dass jeder Mensch anders damit umgeht.
In der Fazenda half mir vor allem die Spiritualität, die ich bis dahin nicht kannte. Ich war auf den Hof gegangen, weil ich vor der Wahl gestanden habe, entweder von Zuhause wegzugehen oder zu sterben, nur deshalb. Heute sehe ich den Weg Gottes in meinem Leben. Denn damals wusste ich nicht, wie man betet, ja ich konnte nicht einmal fliessend lesen, weil ich die Schule nur bis zur siebten Klasse besucht hatte... Auf der Fazenda sah ich, wie junge Menschen versuchten, das Wort Gottes in die Praxis umzusetzen, was meine Aufmerksamkeit sehr erregte. Freitags hatten wir zum Beispiel „Seelengemeinschaft“, wo jeder seine eigenen Gefühle offenbart. Für mich waren das unglaublich starke Erfahrungen, denn ein jeder erzählte von dem Schmerz, den er durchgemacht hatte. Das Wort Gottes ermutigt uns, konkret zu lieben, und die jungen Menschen sagten: Ich habe versucht, über den Schmerz hinaus zu lieben. Ich fragte mich: Wie können sie das leben? Ich konnte es nicht, weil der Schmerz in mich eindrang, die Erinnerungen, die Albträume beherrschte. Die Frage „Warum ich?“ liess mir keine Ruhe.

Geregelter Ablauf vermittelt Sicherheit
Ich weiss noch, dass ich in der Fazenda bei einem Bischof, der die Arbeit in Argentinien begleitet, zur Beichte ging. Es war meine zweite Beichte überhaupt. Ich sagte ihm: „Ich will mich rächen. Denn es ist nicht fair, es ist ungerecht. Ich habe niemandem etwas getan.“ Und er antwortete mir: „Es gibt keine bessere Rache als die Liebe. Du musst verzeihen.“ Ich sagte: „Aber warum soll ich verzeihen? Es sind die anderen, die mich um Verzeihung bitten müssen.“ Ich weinte den ganzen Tag, weil ich sah, wie viel vom Leben ich verloren hatte. Ich war 26 Jahre alt, und ich hatte kein Teenager sein dürfen, ich hatte keine Jugend gehabt. Aber er sagte zu mir: „Auch wenn Du es heute nicht verstehst: Wenn du hier bist, dann deshalb, weil Dich Gott hierher gebracht hat. Er will etwas Gutes für dich, und du musst anfangen zu lieben. Du musst aufhören, über das Warum nachzudenken, warum Du weinen solltest. Du musst heute anfangen zu leben.“  Und genau das habe ich getan. Ich versuchte es, denn es war ein Kampf. Gedanken und Erinnerungen suchten mich heim. Ich erinnerte mich aber an das, was mir der Bischof gesagt hatte: „Lebe die Gegenwart, lebe im Heute.“ Und ich begann, diese Erfahrung zu machen: heute die Gegenwart zu leben, zu lieben, andere Menschen gerne zu haben. In mir begann der Wunsch zu wachsen, meiner Mutter zu vergeben, dem Mann zu vergeben, der nicht wusste, was er getan hatte.
Die Fazendas bestehen aus drei Säulen: der Spiritualität, die das Fundament bildet, der Arbeit und dem Zusammenleben. Die Spiritualität hilft uns, uns selbst und Gott wiederzuentdecken. Sowohl nach meiner persönlichen Erfahrung als auch nach der vieler junger Menschen haben wir uns selbst verloren. Wir haben das Gefühl der Zugehörigkeit verloren, das Empfinden, wohin wir gehörten. Die Arbeit gibt Dir Deine Würde zurück, das Bewusstsein, nützlich zu sein. Durch die Arbeit beginnst Du, Dir neue Gewohnheiten anzueignen. Du weisst, dass das, was Du an dem Tag isst, die Frucht Deiner Anstrengung ist. Du gehst in den Garten, um dort zu arbeiten, Du pflanzt. Oder Du arbeitest in der Bäckerei, und das Brot, das Du isst, hast Du selber gemacht. Was Deine Familie in der Gemeinschaft isst, ist die Frucht Deiner Anstrengung. Im Zusammenleben lernt ein jeder von uns, mit sich selbst und mit anderen zusammenzuleben. Das ist etwas, das wir draussen nicht kannten.

Spiriutalität hilft
Heute begreife ich, dass jeder Mensch, der hier ankommt, ein leidender Christus ist. Denn so bin auch ich eines Tages hierher gekommen. Ich war der leidende Christus, der willkommen geheissen und geliebt wurde, ohne dass gefragt wurde, welcher Schmerz hinter mir lag. Hier gibt es viele und sogar schmerzhaftere Erfahrungen als die meine. Wenn man bei der Arbeit, beim Putzen, beim Kochen plaudert und Erfahrungen austauscht, erfährt man viel Schmerzhaftes. Aber den gegenwärtigen Augenblick leben zu wollen, dort, wo Gott uns haben möchte, lässt das Wunder geschehen, das Er sich für jeden Menschen wünscht. Nur die Gnade Gottes im Alltag, den wir organisiert haben, macht das möglich. Aber es handelt sich nicht nur um einen Gott, über den wir lesen oder den wir studieren, sondern um einen Gott, der gelebt werden will.

Das Internationale Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» ist seit deren Gründung einer der Förderer der „Farmen der Hoffnung“. Allein in den letzten zehn Jahren hat «Kirche in Not (ACN)» die Arbeit der Fazendas da Esperança in sechzehn Ländern mit 68 Projekten und knapp 4 Millionen Euro unterstützt. Das Internationale Hilfswerk unterstützt derzeit eine Fazenda für Frauen in Angola, Afrika.