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  • Syrien, Aleppo: Strassenansicht in Zeiten von Covid19.
  • Zwei ältere Damen, die auf der armenischen Krankenstation im Distrikt Al-Midan in Aleppo wohnen.
  • Syrien Pater Antoine Tahhan von der armenischen Kath. Kirche
  • Syrien: Yolla Ghandour betet den Rosenkranz am Grab ihres Sohnes. Sie ist syrisch-armenische Katholikin und Mutter von drei Kindern. Sie lebt in Aleppo, wo einige der schlimmsten Kämpfe des syrischen Bürgerkriegs stattfanden. Ihr 19-jähriger Sohn Krikor, der bei den Kämpfen ums Leben kam. "... Sie erzählten mir, dass Krikor verwundet und in ein Krankenhaus gebracht worden war. Ich eilte zu ihm und betete zu St. Sharbel : 'Ich habe dir meinen Sohn gegeben. Ich möchte ihn nicht tot finden.' Aber innerlich war ich mir fast sicher, dass er gestorben war. '... "

Syrien: Wir haben neun Jahre Krieg überlebt – werden wir nun von einem Virus getötet?

Die Syrer im allgemeinen, aber besonders die Einwohner von Aleppo, neigen dazu, sich weniger Sorgen um ihre persönliche Sicherheit zu machen als die meisten Menschen in Europa.

“Viele von ihnen sagen, dass sie bereits seit neun Jahren leiden und sowohl den Krieg als auch den Hunger überlebt hätten. Einige sind vorsichtiger und verwenden Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Handschuhe, um sich zu schützen. Aber die meisten Menschen machen sich keine Sorgen über die Ausbreitung des Coronavirus. Sie haben schon so viel gelitten”, erklärt der armenisch-katholische Priester Antoine Tahhan gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk "Kirche in Not (ACN)".

Ausgangssperre
Am 19. März erliess die syrische Regierung aus Angst vor der Verbreitung des Coronavirus einen Erlass, alle Geschäfte zu schliessen und verhängte eine Ausgangssperre zwischen 18 und 6 Uhr. Nur wenige Tage später, am 22. März, beschlossen die katholischen Bischöfe in Aleppo zusätzlich die Schliessung aller ihrer Kirchen, um die Gläubigen zu schützen und die weitere Ausbreitung der Pandemie zu verhindern. Seitdem kommt Pater Antoine jeden Morgen in die armenisch-katholische Heilig-Kreuz-Kirche in Aleppo, um dort allein die heilige Messe zu feiern, und kehrt dann nach Hause zurück, um die Vorgaben zur sozialen Isolierung einzuhalten.
Aber es gibt wenig, was in einem Land wie Syrien getan warden kann, in dem der Krieg auch das Gesundheitssystem zerstört hat. “Aleppo hat viele Krankenhäuser und Gesundheitszentren verloren, die durch die Terroristen zerstört wurden. Ein grosser Teil der Ausstattung und der Medikamentenvorräte wurden geplündert, und viele Ärzte sind ausgewandert, weil die Terroristen einige entführt und anderen gedroht hatten, sie zu töten.  Infolgedessen ist das Gesundheitssystem in einem schlechten Zustand, und darauf fusst die Sorge, dass das Virus sich in der Bevölkerung, insbesondere unter den Soldaten der Syrisch-Arabischen Armee, verbreiten könnte”, sagt Pater Antoine.

Auf Hilfe angewiesen
“Ich denke nicht, dass es in den Krankenhäusern, insbesonderen auf den Intensivstationen, genug Beatmungsgeräte gibt, um dem Virus gewachsen zu sein. Wir benötigen ebenfalls sehr viele Schutzmasken, Ausrüstung zum Sterilisieren und andere medizinische Ausstattung. Zugleich müssen wir unter der Bevölkerung auch ein Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken erwecken, denn noch immer gehen viele Leute in den Parks spazieren, halten sich an den Händen und begrüssen sich, ohne die behördlichen Massnahmen zum Schutz der Gesundheit zu beachten.”
Die Kämpfe in Aleppo sind seit dem 24. Dezember 2016 zu Ende. Einige bessergestellte Familien waren seitdem in der Lage, ihre Häuser wiederherzustellen, aber die meisten christlichen Familien sind sehr arm und überleben nur dank der Unterstützung der Ortskirche und von Organisationen wie der Päpstlichen Stiftung "Kirche in Not (ACN)", die Nothilfeprojekte ins Leben gerufen haben, um die ärmsten Familien in Aleppo und anderen Teilen Syriens mit Mietzuschüssen, Lebensmitteln und grundlegender medizinischer Versorgung zu unterstützen. „Ohne diese Hilfe könnten die Christen nicht nach Hause zurückkehren und die christliche Präsenz im Nahen Osten sichern”, erklärt Pater Antoine.

Überalterte christliche Gemeinschaft
Der durch den Krieg bedingte Exodus habe verheerende Auswirkungen: „Die Zahl der christlichen Familien, die vor dem Krieg in Aleppo lebten, lag bei 30.000. Nun ist die Anzahl auf rund 10.000 gesunken. Wir leiden unter einer massiven Überalterung der Bevölkerung, da der Anteil an älteren Menschen inzwischen auf zwei Drittel gestiegen ist, und das nicht nur in Aleppo, sondern in ganz Syrien. Und der Mangel an jungen Arbeitskräften hat sich durch den Militärdienst weiter verschärft.”
Seit einem Jahr leide Syrien an einer schweren Wirtschaftskrise. “Als Aleppo befreit wurde, bestand beträchtlicher Optimismus, und drei Jahre lang setzten die Menschen ihre Hoffnung auf harte Arbeit, aber nun wird die wirtschaftliche Lage immer schlimmer. Viele Menschen sind arbeitslos, und die gezahlten Gehälter reichen nicht aus, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Die Wirtschaftssanktionen fügen der Bevölkerung schweres Leid zu, und die schlechte wirtschaftliche Lage im Libanon beeinträchtigt auch die Wirtschaft in Syrien. Der Dollarkurs und damit auch die Lebenshaltungskosten sind in die Höhe geschossen. Zugleich wurden die Hilfeleistungen, die über den Libanon nach Syrien gelangten, eingestellt”, erklärt Pater Antoine gegenüber "Kirche in Not (ACN)". 

Menschen brauchen Hoffnung
Seit der Befreiung von Aleppo sind 75 armenisch-katholische Familien zurückgekehrt, aber sie waren Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens und keine Flüchtlinge aus Europa. “Um Familien dazu zu ermutigen, nach Syrien zurückzukehren, müssen die Wirtschaftssanktionen aufgehoben warden, wie der Papst es in seiner Osterbotschaft gefordert hat, und man muss den jungen Menschen dabei helfen, Arbeit zu finden. Wir brauchen auch Sicherheit, medizinische Versorgung und die Aufhebung der Militärreserve, damit die jungen Leute Arbeit finden, ihre Zukunft aufbauen und Familien gründen können”, schliesst Pater Antoine.
Das Coronavirus ist eine weitere Sorge unter vielen anderen, aber diese globale Pandemie lässt die Menschen in Syrien vor allem die wirtschaftlichen Folgen fürchten. Sie könnten zum einen ihren Leidensweg erschweren und andererseits eine Minderung der Nothilfeprogramme zur Folge haben, die jetzt für ihr Überleben notwendiger sind denn je.