Leerer Vorplatz der Grabeskirche in Jerusalem. (Foto: ACN)

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Warnung vor der christlichen PrÀsenz im Hl. Land: Ohne lebendige Gemeinschaften in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth könnten die heiligen StÀtten zu blossen Symbolen ohne Zeugen werden.
Das Bild Jerusalems als pulsierendes Herz des Christentums steht in scharfem Kontrast zu der Wirklichkeit, die die GlĂ€ubigen heute erfahren. In seiner eindringlichen Ansprache vor Landesdirektoren und Vertretern von KIRCHE IN NOT (ACN) zeichnete Benediktinerabt Nikodemus Schnabel ein dĂŒsteres Bild von der Situation der Christen im Hl. Land: eine âwinzigeâ Minderheit, geprĂ€gt von Krieg, wirtschaftlicher Not, Unsicherheit und einem anhaltenden Exodus.
âWenn Sie glauben, dies sei ein Eldorado des Christentums, dann sieht die RealitĂ€t anders ausâ, sagte er. âAlle Christen zusammen machen weniger als 2 % aus. Wenn man an die am stĂ€rksten sĂ€kularisierten Regionen Europas denkt â etwa an die Tschechische Republik oder die ehemalige DDR â, dann sind dort die Christen sogar um ein Vielfaches zahlreicher als hierâ, erklĂ€rte er.Â
Der Abt, der fĂŒr Klöster verantwortlich ist, die mit zentralen Stationen von Ostern verbunden sind â den Abendmahlssaal, der traditionell mit dem Letzten Abendmahl und Pfingsten in Verbindung gebracht wird, und Tabgha am See Genezareth, wo der auferstandene Christus erschienen sein soll â, begann mit dem Geheimnis von Ostern selbst, um ein Fenster in âseine Weltâ zu öffnen: die Welt einer Ortskirche von aussergewöhnlichem spirituellem Reichtum und zugleich extremer Zerbrechlichkeit.

Abt Dr. Nikodemus Schnabel wÀhrend der Predigt in der Klosterkirche Einsiedeln 2024. (Foto: ACN)

Abt Nikodemus, Hauptgast an der KIRCHE IN NOT (ACN)-Wallfahrt nach Einsiedeln 2024, erinnerte daran, dass die christliche Wirklichkeit Jerusalems zutiefst plural ist. Allein in Jerusalem gibt es 13 Kirchen â sechs katholische und sieben nichtkatholische historische Kirchen. âEs ist sehr, sehr buntâ, sagte er, âmit vielen verschiedenen Kirchen und Traditionen.â Doch dieser Reichtum kann tĂ€uschen: Hinter der historischen und liturgischen Vielfalt steht eine zahlenmĂ€ssig sehr kleine Gemeinschaft.
Die Bischofskonferenz dieser kleinen Region â zu der Zypern, Israel, die PalĂ€stinensischen Gebiete und Jordanien gehören â hat 24 Mitglieder und spiegelt damit eine einzigartige kirchliche KomplexitĂ€t wider. Und doch schrumpft die christliche PrĂ€senz weiter. âDas Paradoxon ist offensichtlichâ, erklĂ€rte Abt Schnabel. âDer Ort, an dem die wichtigsten Ereignisse unseres Glaubens stattgefunden haben, lĂ€uft Gefahr, seine einheimischen Christen zu verlieren.â
âMeine Sorge ist, dass das Hl. Land zu einer Art âchristlichem Disneylandâ werden könnteâ, warnte er. âDie Hl. StĂ€tten werden bleiben, mit Mönchen und Priestern. Aber es könnte keine christlichen Familien mehr geben, keine jungen Christen, kein regulĂ€res christliches Leben.â
Mit Blick auf die lateinische Kirche unterschied der Abt drei Hauptgruppen.
Die erste Gruppe besteht aus arabischsprachigen palĂ€stinensischen Katholiken, die seit Jahrhunderten in der Region leben. Dazu zĂ€hlen jene, die in Israel mit StaatsbĂŒrgerschaft leben, die Einwohner Jerusalems ohne politische Rechte, Christen im Westjordanland mit ihren BewegungsbeschrĂ€nkungen sowie die kleine Gemeinschaft im Gazastreifen, die unter einer âdoppelten Besatzungâ lebe: unter dem Ă€usseren Druck von Krieg und Blockade und unter der inneren UnterdrĂŒckung durch das Hamas-Regime.
Die zweite Gruppe bilden die hebrĂ€ischsprachigen Katholiken, eine kleine, aber wachsende Gemeinschaft, die oft aus gemischten Familien besteht und in die israelische Gesellschaft integriert ist. âEs ist ein neues PhĂ€nomenâ, sagte er und stellte die Frage, was es bedeute, zugleich Israeli und Katholik zu sein.
Die dritte Gruppe besteht aus Migranten und Asylsuchenden, mehr als 100 000 Katholiken. Sie stammen von den Philippinen, aus Indien oder Sri Lanka sowie aus Afrika, Osteuropa und Lateinamerika und arbeiten vor allem in der Pflege, im Baugewerbe und in der Landwirtschaft.
Abt Nikodemus prangerte die unmenschlichen Bedingungen an, denen viele christliche Arbeitsmigranten in Israel ausgesetzt sind: eingezogene PÀsse, stark eingeschrÀnkte Möglichkeiten zum Arbeitgeberwechsel, Familientrennung und ein rechtlicher Rahmen, der in der Praxis Mutterschaft bei manchen auslÀndischen Arbeitnehmerinnen bestrafe
Abt Dr. Nikodemus Schnabel auf dem Podium von KIRCHE IN NOT (ACN) in Einsiedeln 2024. (Foto: ACN)

Gaza: Sr. Nabila steht vor der im Krieg zerstörten katholischen Schule. (Ende 2023) (Foto: ACN)

Der christlichen Minderheit hat es seit vielen Jahren sehr schwer. Zuerst war die Corona-Krise, dann verschiedene Kriege und Krisen. Dies setzt vor allem den Christen zu, die stark auf Touristen ausgerichtet sind. Ohne Touristen aus dem Ausland fehlt es ihnen an Verdienstmöglichkeiten. KIRCHE IN NOT (ACN) half in den letzten Jahren mit Nothilfe. Im Gazastreifen den rund 1000 palĂ€stinensische Christinnen und Christen, von denen wĂ€hrend dem Krieg auch einige ums Leben kamen. Auch den 10 000 Christen in Ostjerusalem und den 37 000 im Westjordanland helfen wird. Die fast vollstĂ€ndige Stilllegung des Tourismussektors haben dazu gefĂŒhrt, dass viele christliche Familien ums nackte Ăberleben kĂ€mpfen mĂŒssen.
Aber auch die rund 100'000 Christen auf israelischem Staatsgebiet, vor allem Migranten und Asylsuchende, benötigen UnterstĂŒtzung durch die Kirche. KIRCHE IN NOT (ACN) steht den Christen im Hl. Land seit Jahren mit vielen Projekten bei. Dies ist möglich, da Sie, unsere WohltĂ€ter und WohltĂ€terinnen, uns dabei grosszĂŒgig helfen.
Vor dem Hintergrund wachsender Polarisierung bekrĂ€ftigte der Abt die Haltung der Ortskirche: âWir sind weder pro-israelisch noch pro-palĂ€stinensisch, sondern pro-Mensch.â Diese Haltung, so erklĂ€rte er, entspreche der konkreten RealitĂ€t einer Kirche, die âauf allen Seitenâ prĂ€sent sei: mit GlĂ€ubigen in Israel, im Westjordanland und im Gazastreifen sowie in Migrantengemeinschaften.
Mit Blick auf die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 sprach er von katholischen PflegekrĂ€ften mit Migrationshintergrund, die getötet wurden, nachdem sie sich geweigert hatten, die ihnen anvertrauten alten Menschen im Stich zu lassen. âSie weigerten sich zu fliehenâ, sagte er. âSie blieben bei denen, die ihnen anvertraut worden waren.â FĂŒr den Abt spiegelt ihr Zeugnis eine zutiefst christliche Haltung wider.
Er erinnerte auch an die anschliessende Totenmesse, bei der zunĂ€chst eine FĂŒrbitte fĂŒr die Leidenden in Gaza und dann fĂŒr die Bekehrung der Verantwortlichen fĂŒr die Gewalt gesprochen wurde. âFĂŒr seine Feinde zu beten â das bedeutet es, hier Christ zu sein. Sie haben das Evangelium besser verstanden als viele von uns,â so Abt Nikodemus.
Leere Einkaufsstrasse in der Altstadt von Jerusalem. (Foto: Latin Patriarchate of Jerusalem)

Leerer Vorplatz der Grabeskirche in Jerusalem. (Foto: ACN)

Der Abt verurteilte die wachsende Feindseligkeit gegenĂŒber Christen von Seiten extremistischer jĂŒdischer Gruppen. Er sprach von VorfĂ€llen wie Anspucken auf offener Strasse, Vandalismus, Brandstiftung, SchĂ€ndung und Hassgraffiti. Seiner Meinung nach kann dieses PhĂ€nomen nicht lĂ€nger als marginal abgetan werden.
Schnabel verwies dabei direkt auf ultranationalistische religiöse Kreise und kritisierte scharf die PrĂ€senz von Persönlichkeiten in der israelischen Regierung, die solche Haltungen seiner Meinung nach legitimiert oder begĂŒnstigt hĂ€tten. Zugleich betonte er, dass dies nicht die allgemeine Haltung widerspiegele, und erinnerte daran, dass es auch jĂŒdische Gruppen gebe, die christliche Gemeinschaften aktiv verteidigten und diese Ăbergriffe verurteilten.
Ebenso kritisch Ă€usserte er sich zum sogenannten âchristlichen Zionismusâ, den er dann als unvereinbar mit dem Evangelium bezeichnete, wenn er dazu diene, Gewalt zu rechtfertigen, das Leiden der PalĂ€stinenser zu ignorieren oder zu Angriffen auf christliche Gemeinschaften zu schweigen.
Lassen wir die Christen im Hl. Land - hier Betlehem - nicht im Stich. (Foto: ACN)

Das Zeugnis des Abtes hinterlĂ€sst folgendes Bild: eine Kirche, die zahlenmĂ€ssig fast unsichtbar ist und zugleich von spiritueller und sozialer Bedeutung bleibt. Eine Kirche, die Schulen, KrankenhĂ€user und Gemeinschaften weit ĂŒber ihr demographisches Gewicht hinaustrĂ€gt und die ĂŒber Sprachen, Riten und Grenzen hinweg lebt. FĂŒr KIRCHE IN NOT (ACN) ist das Zeugnis von Abt Nikodemus ein Aufruf, sich mit dem Verschwinden der Christen aus dem Hl. Land nicht abzufinden. Denn ohne Christen in Jerusalem, Bethlehem oder Nazareth drohen die heiligen StĂ€tten zu leeren Symbolen zu werden KIRCHE IN NOT (ACN) hilft - mit Ihnen - den Christen im Hl. Land mit konkreten Projekten. Vielen Dank fĂŒr Ihre Mithilfe!
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